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KI kauft, KI verkauft ... und wir?

  • Autorenbild: Stephan Waltl
    Stephan Waltl
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Anthropic hat letzte Woche ein Experiment veröffentlicht, das mich mehr beschäftigt als die ganzen anderen KI-Tools die in den letzten 2 Wochen im gefühlten Stundentakt ausgeliefert wurden. Nicht weil es technisch besonders komplex wäre. Sondern weil es zeigt, was gerade passiert. Leise, fast unbemerkt!.


Was war das Experiment?

69 Anthropic-Mitarbeiter haben im Dezember 2025 an einem internen KI-Marktplatz teilgenommen. Jeder hat ein kurzes Interview mit Claude geführt. Was willst du verkaufen? Was würdest du kaufen? Wie soll verhandelt werden? Dann wurde der Schalter umgelegt. Und danach war Schluss mit menschlicher Kontrolle.


Die KI-Agenten haben selbständig Inserate erstellt, Angebote gemacht, Gegenangebote bewertet, nachverhandelt und Deals abgeschlossen. Ohne Rückfrage. Ohne Bestätigung. Ohne dass ein Mensch nochmal drübergeschaut hat. Das Ergebnis: 186 Abschlüsse, über 4.000 US Dollar Transaktionsvolumen. Echte Güter, die am Ende wirklich übergeben wurden. Die Palette reichte von einem kaputten Snowboard bis hin zu einem Sackerl mit 19 Tischtennisbällen.



Das eigentlich Bemerkenswerte

Soweit so spannend, aber nicht die Technologie hinter dem Experiment ist das Interessante. Interessant ist, was das über uns aussagt. Die Teilnehmer waren zufrieden. Sie fanden die Deals fair. Sie würden es wieder tun. 46 Prozent gaben sogar an, für so einen Service in Zukunft zahlen zu wollen. Das bedeutet: Die Bereitschaft, einer KI die Kontrolle über kommerzielle Entscheidungen zu überlassen, ist real. Sie ist messbar. Und sie wächst.

Das ist ungefähr so, als würdest du einem Assistenten die Vollmacht geben, deinen Gebrauchtwagen zu verkaufen, ohne jemals zurückgefragt zu werden. Du gibst ihm einen Zettel mit deinen Vorstellungen. Er macht den Rest. Und am Ende bringt er dir Geld und einen unterschriebenen Kaufvertrag heim. Klingt futuristisch? War es bis vor Kurzem - inzwischen ist es das nicht mehr.


An der Börse ist das längst Normalzustand. Algorithmen handeln seit Jahren eigenständig, in Millisekunden, ohne Rückfrage, ohne Zögern. Rund 70 Prozent des weltweiten Aktienhandels werden heute von automatisierten Systemen abgewickelt. Kein Mensch tippt dort noch eine Order ein und überlegt dabei.


Selbiges im Energiemarkt, nur mit noch mehr Konsequenzen! Strom, Gas und Öl werden auf den globalen Großhandelsmärkten bereits massiv algorithmisch gehandelt. Die Volatilität erneuerbarer Energien hat diesen Trend beschleunigt: Weil Windstrom und Solarenergie unberechenbar sind, müssen Händler ihre Positionen teils in Minutenabständen anpassen. Das schafft kein Mensch mehr alleine. Algorithmen übernehmen Preisfindung, Risikomanagement und Arbitrage rund um die Uhr, vollautomatisch, über Ländergrenzen hinweg. Die niederländische Marktaufsichtsbehörde ACM hat bereits gewarnt, dass sogenannte "Robot Battles", also 2 Algorithmen die gegeneinander handeln, falsche Marktsignale erzeugen können. Mit direkter Auswirkung auf den Strompreis, den am Ende des Monats wir bezahlen!


Was man jetzt sieht, ist die gleiche Entwicklung, nur eine Ebene tiefer: raus aus den Handelssälen und Energiebörsen, rein in den Alltag. Lieferantenverhandlungen, Angebotseinholungen, Terminvereinbarungen, Reisebuchungen. Überall dort, wo heute noch ein Mensch tippt, anruft, vergleicht und entscheidet, wird in absehbarer Zeit ein Agent diese Aufgabe übernehmen. Nicht weil es billiger ist. Sondern weil es schneller, ruhiger und weniger aufreibend ist und weil die Masse an gleichzeitigen Abfragen in einer vernünftigen Zeit für einen Menschen schlichtweg einfach nicht machbar ist!


Schauen wir uns die Realität an: Wir haben die letzten Jahre damit verbracht, KI beizubringen, Texte zu schreiben, Bilder zu erstellen und Fragen zu beantworten. Das war Phase 1. Phase 2 ist, dass KI nicht mehr nur antwortet, sondern handelt. Eigenständig. In unserem Namen. Mit echten Konsequenzen.


Für Betriebe, die heute noch glauben, das geht sie nichts an, ein freundlicher Hinweis: Es wird sie sehr bald etwas angehen. Auf beiden Seiten.

Als Anbieter wirst du es mit Kunden zu tun haben, deren Anfragen nicht mehr von Menschen formuliert werden, sondern von Agenten. Die Sprache wird präziser, die Anforderungen klarer, die Reaktionsgeschwindigkeit entscheidender. Wer nicht innerhalb von Sekunden antwortet, fliegt raus. Nicht weil der Kunde ungeduldig ist, sondern weil sein Agent bereits zum nächsten Anbieter weitergeschaltet hat.


Als Einkäufer oder Konsument wirst du merken, dass dir jemand die lästigen Aufgaben abnimmt. Das fühlt sich gut an. Bis du anfängst, dich zu fragen, wer eigentlich noch die Entscheidungen trifft?

Spätestens jetzt kommt das Unangenehme, denn die EU hat mit dem AI Act zwar das weltweit ambitionierteste KI-Regelwerk verabschiedet. 144 Seiten, 113 Artikel, 180 Erwägungsgründe. Jedoch wurde der AI Act nicht für autonome Agenten konzipiert. Das Wort "Agent" taucht in diesen 144 Seiten so gut wie nicht auf. Der Act denkt in Kategorien von Systemen, die Outputs produzieren, Texte, Bilder, Empfehlungen. Nicht in Kategorien von Systemen, die eigenständig handeln, Verträge abschließen, Einkäufe tätigen, Verhandlungen führen.


Wer von dieser Lücke profitiert, liegt auf der Hand: alle, die KI-Agenten bereits einsetzen, bevor die Regulierung aufgeholt hat. Die ACM Europe Technology Policy Committee hat das in einem aktuellen Policy Brief klar formuliert: Der AI Act legt eine wichtige Grundlage, aber autonome Agenten passen nicht in sein statisches Denkmodell. Ein System, das einmal zertifiziert wurde, kann sich danach weiterentwickeln, mit anderen Agenten interagieren, Verhalten zeigen das bei der Zertifizierung schlicht nicht vorhersehbar war. Die Regeln greifen genau dann nicht, wenn es drauf ankommt: im laufenden Betrieb.

Das ist ungefähr so, als würde man Straßenverkehrsregeln für Pferdekutschen schreiben und sich dann wundern, dass sie auf autonome Fahrzeuge nicht passen.


Was wirklich nötig wäre:

  1. Bewusstsein dafür, dass "Agentic AI" kein Buzzword mehr ist, sondern eine kommende Realität, für die wir regulatorisch und organisatorisch noch kaum vorbereitet sind.

  2. Echte Spielregeln. Nicht Übergangsfristen bis 2027 für Hochrisikosysteme, während KI-Agenten heute schon im Stillen Deals abschließen. Vertragsrecht, Haftung, Transparenzpflichten, das alles ist noch ungeklärt.

  3. Ehrlichkeit darüber, was wir abgeben. Wer einen KI-Agenten in seinem Namen handeln lässt, gibt Kontrolle ab. Das kann sinnvoll sein. Aber es sollte eine bewusste Entscheidung sein, keine schleichende.


Wir diskutieren seit Jahren darüber, ob KI uns die Arbeit wegnimmt. Das eigentliche Thema ist ein anderes: KI übernimmt nicht unsere Arbeit. Sie übernimmt unsere Entscheidungen. Und während die EU noch an ihrem Regelwerk feilt, laufen die Agenten längst: an der Börse. an den Energiemärkten und demnächst in unserem Alltag!

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