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Agentic AI: Der stille Strukturwandel, den kaum jemand vorbereitet

  • Autorenbild: Stephan Waltl
    Stephan Waltl
  • 26. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit

Stell dir vor, du redest mit deiner AppleWatch. Du sagst: „Buch mir für nächste Woche vier Tage Tirol, Budget € 1.200, kein Massentourismus, ich mag Wandern und gutes Essen." Und das war's. Kein Googeln. Keine Vergleichsportale. Kein mühsames Ausfüllen von Buchungsmasken. Der Agent übernimmt – und liefert. Fertig gebucht. Rebooking inklusive, falls sich das Wetter ändert.

Das klingt nach Science-Fiction? Meines Erachtens haben wir dafür maximal drei Jahre. Spätestens dann werden proaktive KI-Agenten auf unseren Smartphones, in unseren Uhren und in den Betriebssystemen unserer Geräte fest verankert sein. Die Vorstufen dazu sehen wir im Comet Browser von Perplexity. Auch Google hat Gemini in Chrome vollständig integriert - OpenAI versucht deren Glück mit Atlas. Der Wettbewerb darum, wer der primäre Assistent im Leben der Menschen wird, läuft bereits auf Hochtouren – nur die meisten Tourismusunternehmen haben das noch nicht wirklich auf dem Radar.

Das ist ein Problem. Ein GROSSES; denn der nächste Schritt ist schon gemacht = AGENTIC AI!


Was Agentic AI überhaupt bedeutet?

Reden wir kurz über den Begriff, bevor wir in die Tiefe gehen. „Agentic AI" sind keine Chatbots, die auf Fragen mehr oder weniger komplex antworten. Das ist von gestern. Agentische Systeme handeln eigenständig, planen mehrstufige Aufgaben, nutzen externe Tools und Services – und erledigen Dinge, ohne dass der Mensch jeden Schritt bestätigen muss. Sie bekommen ein Ziel, und sie finden den Weg.


METR – eine auf KI-Risikoforschung spezialisierte Organisation – misst seit Jahren empirisch, wie gut KI-Modelle eigenständig komplexe Aufgaben lösen. Ihre Benchmark-Daten zeigen eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit: Die bewältigbare Aufgabenlänge bei 50% Erfolgsrate verdoppelt sich alle 7 Monate! Von 3 Sekunden (GPT-2, 2019) auf rund eine Stunde (Claude Sonnet 3.7, 2025). Wenn dieser Trend auch nur annähernd hält, können KI-Agenten bereits Ende 2026 eigenständig Tasks erledigen, die einen Menschen einen halben Arbeitstag beschäftigen würden. Reiseplanung, Buchungsoptimierung, Angebotsvergleich – das liegt genau in diesem Zeitfenster und der aktuelle Hype der TechCommunity rund um Openclaw und Claude CoWork lassen freundlich grüßen!


Im Alltag bedeutet das: Du formulierst deine Präferenzen einmal. Der Agent optimiert kontinuierlich. Er vergleicht Preise, bucht um, wenn ein besseres Angebot auftaucht, verhandelt Stornos, schließt Reiseversicherungen ab und kombiniert Flug, Unterkunft, Mietwagen und Restaurantreservierungen zu einem personalisierten Bundle – situativ, nicht statisch.

Der entscheidende Unterschied zu heute (ob es uns gefällt oder nicht): Der Mensch entscheidet nicht mehr bei jedem Schritt. Er vertraut dem Agenten. Und das ändert alles!


Die klassische Customer Journey? Wird zum Relikt.

Wer im Tourismus unterwegs ist, kennt die schönen Phasen der Reiseentscheidung: Inspiration, Vergleich, Buchung, Erlebnis, Empfehlung. Jahrelang haben wir Marketingbudgets genau auf diesen Trichter ausgerichtet. Google Ads für die Suchphase, Instagram für die Inspirationsphase, Bewertungsplattformen für die Vergleichsphase.

Das kippt gerade. Agentische Systeme überspringen Teile dieser Reise einfach. Inspirations- und Vergleichsphasen werden drastisch verkürzt oder entfallen komplett. Warum soll ich stundenlang durch Booking.com scrollen, wenn mein Agent das in Sekunden erledigt – inklusive Preis-Leistungs-Optimierung auf Basis meiner persönlichen Historie und Präferenzen?

Was das für klassisches Performance Marketing bedeutet? Die bisherigen Regeln werden neu geschrieben. SEO war gestern, GEO (Generative Engine Optimization) ist heute – und morgen haben wir EO = Engine Optimization. Klingt abstrakt? Ist es nicht. Es bedeutet: Die Inhalte deiner Webseite (oder wo auch immer), deine Daten, deine Angebote müssen so strukturiert und maschinenlesbar sein, dass KI-Agenten sie verstehen, bewerten und auswählen können. Wer das nicht schafft, existiert für Agenten schlicht nicht.


Marken konkurrieren nicht mehr um Aufmerksamkeit – sondern um algorithmisches Vertrauen

Das ist der Punkt, den ich für den fundamentalsten Wandel halte.

Bisher haben wir Werbung gemacht, um Menschen zu überzeugen. Wir haben Emotionen angesprochen, Bilder gesetzt, Videos, Reels, Testimonials - alles um den Menschen zu bezirzen. Der Mensch hat entschieden, ob es ihm gefällt - ob er uns vertraut.

Bald entscheidet der Agent für mich, weil er mich vermutlich besser kennt als ich mich selbst! Und der lässt sich nicht von einem schönen Titelbild im Hochglanzformat beeindrucken. Der Agent schaut auf strukturierte Daten, auf Bewertungsqualität, auf Aktualität und Vollständigkeit der Informationen, auf API-Verfügbarkeit, auf Zuverlässigkeit von Preisangaben, auf Maschinenlesbarkeit.


Kurz gesagt: Wer nicht strukturiert denkt, verliert. Destinationen, Hotels, Attraktionen und Transportunternehmen, die keine sauberen Datenräume aufgebaut haben, werden in der agentischen Welt schlicht übersehen. Nicht weil sie schlecht sind – sondern weil der Agent sie nicht lesen kann. Das ist ungefähr so, als würde man in den 90ern keine Webseite gehabt haben und sich gewundert haben, warum man im Internet nicht gefunden wird. Nur dass der Wandel diesmal schneller kommt.


Mikro-Auktionen, Echtzeit-Buchungen und der Tod der statischen Preisliste

In der neuen agentischen Welt wird Buchung zum Echtzeit-Prozess. Agenten werden im Hintergrund automatisierte Mikro-Auktionen auslösen – Anbieter konkurrieren in Millisekunden um Nachfrage. Der Agent, der für seinen Nutzer das beste Paket zusammenstellt, gewinnt. Statische Preislisten und starre Buchungsfenster werden diesem System nicht standhalten.

Das hat massive Konsequenzen für Yield Management, Revenue Management und die gesamte Preispolitik im Tourismus. Wer keine dynamische Preisstrategie hat, wer keine API-Schnittstellen anbietet, wer seine Verfügbarkeiten nicht in Echtzeit kommunizieren kann – der wird schlicht nicht mitspielen.

Dazu kommt: Große Payment- und Tech-Player werden zu Gatekeepern für agentische Transaktionen. Apple, Google, Meta, Amazon – sie alle haben die Infrastruktur, den Kundenkontakt und die Daten, um sich als primäre Buchungsinfrastruktur zu positionieren. OTAs kennen das Spielfeld gut. Für viele traditionelle Tourismusbetriebe wird das eine unbequeme Wahrheit: Die Abhängigkeit von Tech-Konzernen nimmt zu, nicht ab.



Was das für den Gäste-Kontakt bedeutet

Nicht nur Buchung und Distribution ändern sich. Auch die Kommunikation mit dem Gast wird durch agentische Systeme neu definiert.

Der Agent des Gastes kommuniziert mit dem Agenten des Hotels. Menschen sprechen erst dann miteinander, wenn es wirklich nötig ist. Das ist keine ferne Zukunft – einfache Versionen davon existieren bereits. Stornos, Umbuchungen, Check-in-Informationen, Restaurantempfehlungen, Wettscheidungen vor Ort – all das kann und wird zunehmend agent-to-agent laufen.

Was bleibt dann noch? Das Menschliche. Das Empathische. Das, was kein Algorithmus wirklich kann: echte Gastfreundschaft, spontane Gesten, persönliche Verbindungen. Wer das als Differenzierungsmerkmal versteht und kultiviert, wird im agentischen Zeitalter gewinnen. Wer glaubt, er kann sich da heraushalten, weil seine Gäste „nicht so tech-affin" sind – der unterschätzt, wie schnell sich Verhaltensmuster ändern, wenn die Technologie einfach genug wird.


Was Tourismusbetriebe jetzt tun müssen

Ich erlebe in meiner täglichen Arbeit, dass viele Betriebe noch immer primär über Google Rankings nachdenken. Das ist nicht falsch – aber es reicht nicht mehr. Die Agenda für die nächsten 12 bis 24 Monate muss folgende Punkte enthalten:

  • Strukturierte Daten konsequent implementieren: Schema.org ist Pflicht, kein Bonus. Angebote, Preise, Verfügbarkeiten, Bewertungen – alles maschinenlesbar.

  • API-Zugänglichkeit schaffen: Wer nicht über eine API buchbar ist, wird für agentische Systeme unsichtbar. Das gilt für Hotels, Attraktionen, Mobilitätsanbieter und Gastronomie gleichermaßen.

  • llms.txt, content.md und KI-spezifische Datenpunkte aufbauen: Destination Data Spaces, strukturierte Informationsarchitekturen für KI-Systeme – das wird zur Grundinfrastruktur.

  • EO als neue Disziplin verstehen: Engine Optimization bedeutet, die eigene Marke und die eigenen Angebote so zu positionieren, dass KI-Agenten ihnen algorithmisches Vertrauen schenken. Das ist eine eigene Strategie, nicht ein Anhang zur bestehenden SEO.

  • Interne Prozesse automatisieren: Bevor agentische Systeme nach außen wirken, können sie intern für massive Effizienzgewinne sorgen – in der Kommunikation, im Yield Management, im Beschwerdemanagement.


Die unbequeme Wahrheit

Ich sage das direkt, weil es wichtig ist: Der Tourismus war schon beim letzten großen Wandel – dem Aufkommen der OTAs und der mobilen Buchung – oft zu langsam. Viele Betriebe haben die Kontrolle über den Kundenzugang verloren und zahlen bis heute Provisionen, die ihre Margen belasten. Die agentische Revolution ist der nächste Wendepunkt. Und er kommt schneller als der letzte. Die Frage ist nicht ob KI-Agenten die Art, wie Menschen reisen, buchen und Erlebnisse konsumieren, verändern werden. Die Frage ist nur, ob dein Betrieb, deine Destination, deine Organisation zu den Gewinnern oder Verlierern dieser Transformation gehört.

Wer jetzt anfängt, die richtigen Grundlagen zu legen – strukturierte Daten, API-Infrastruktur, EO-Strategie, interne Automatisierung – der hat einen echten Vorsprung. Wer wartet, bis der Agent seines Gastes ihn einfach nicht mehr findet, dem bleibt nur noch die bittere Erkenntnis, dass auch die beste Berglage kein Ranking bei einem KI-System garantiert.

Ich selbst habe bereits unsere letzte Reise nach Marrakesch Tutti-Kompletti mit Perplexity durchgebucht: Flug und Hotel! das war nett anzusehen, aber in Wirklichkeit hat Perplexity nix anderes gemacht, als meinen Bildschirm zu steuern und die Formulare auszufüllen! Das war viel zu menschlich und das menschliche Handeln bremst das System. Agentic AI wird nicht so tun als ob es ein User wäre und irgendwelche Mäuse über Bildschirme bewegt. Agentic AI geht technische Wege und die Ironie dabei: Während wir noch darüber diskutieren, ob Agentic AI wirklich kommt, bucht der erste KI-Agent gerade seinen ersten Urlaub. Für einen Menschen, der nicht einmal weiß, dass das gerade passiert. Einzig den Urlaub muss der Mensch dann noch selber machen :-) hoffentlich!

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