Permanent Underclass. Dystopie oder realistisches Szenario?
- Stephan Waltl

- 26. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Ich gebe zu in letzter Zeit fast zu viele Podcasts hören und Bücher zu lesen. Allzuoft geht es dabei gar nicht um Technik, sondern darum welche Auswirkungen die neuen Technologien auf unsere Gesellschaft haben.
Dabei bin ich irgendwann auf eine Befürchtung gestossen, die auch jene Leute beschäftigt, die sich eigentlich keine finanziellen Sorgen machen müssten. Gut bezahlte Programmierer in San Francisco, die denken: Es gibt einen Tag X. Und bis zu diesem Tag kann man noch Geld mit Arbeit verdienen. Danach nicht mehr.
Die These dahinter ist so simpel wie unbequem: KI erzeugt gewaltige Produktivitätsgewinne und enormen neuen Wohlstand. Aber dieser Wohlstand landet nicht überall. Er landet am Ende nur bei denen, denen Nvidia gehört, oder wer Teil der großen KI-Unternehmen ist, oder wer zumindest Besitzer eines Unternehmens ist, das von der KI-Revolution massiv profitiert. Der Rest schaut zu.
Das Ganze hat einen Namen: PERMANENT UNDERCLASS. Die ewige Unterschicht. Nicht als Randphänomen, sondern als Zustand, in dem praktisch alle landen, die ihr Geld klassischerweise durch Arbeit verdienen.
Warum sollte es diesmal anders sein?
Natürlich haben wir das schon öfter gehört. Neue Technologie kommt, Jobs verschwinden, Leute machen sich Sorgen. Und danach entstehen wieder neue Jobs, oft mehr und besser bezahlte als vorher. Die Volkswirtschaftslehre hat dafür sogar einen Begriff: Lump-of-Labour-Fallacy. Die Annahme, dass es eine fixe Menge an Arbeit gibt, die verteilt werden muss und die durch jede neue Technologie einfach kleiner wird, ohne dass Neues entsteht.
Die Industrielle Revolution hat diesen Trugschluss widerlegt. Das Internet hat ihn widerlegt. 1995 hätte kaum jemand „Taxifahrer" auf eine Liste der Jobs gesetzt, die durch das Internet gefährdet oder verändert werden. Weil man sich mobiles Internet, Apps und Plattformwirtschaft schlicht nicht vorstellen konnte. Und dann kam es trotzdem.
Hinter der Permanent-Underclass-These stecken 3 Annahmen, die man einmal explizit benennen muss.
KI ist eine fundamental andere Technologie als alles zuvor. Es gibt keine neuen Jobs mehr, weil eine AGI am Ende alles besser kann als jeder Mensch, und es schlicht irrational ist, noch einen Menschen zu bezahlen, wenn man dasselbe billiger und schneller von einer Maschine bekommt.
Unsere heutigen Eigentumsrechte bleiben unangetastet. Wer die großen KI-Firmen besitzt, besitzt sie weiterhin. Niemand stellt das grundsätzlich in Frage, niemand schlägt eine andere Besteuerung vor, wenn niemand mehr einen Job hat.
Niemand regt sich auf. Alle akzeptieren die Situation stillschweigend. Kein wirksamer gesellschaftlicher Protest und vor allem, keine politischen Reaktionen.
Wenn man diese 3 Annahmen so nebeneinanderstellt, merkt man schnell: Alle 3 gleichzeitig für realistisch zu halten, erfordert schon eine gehörige Portion Phantasie.
Der realistische Kern
Wo die Sache aber tatsächlich was Wahres hat, ist nicht das dramatische AGI-Szenario mit dem magischen Tag X. Es ist die schwache Variante, quasi die schleichende!
Es muss keine Super-KI geben, die über Nacht alles übernimmt. Es reicht, wenn menschliche Arbeitskraft Stück für Stück ein bisschen unattraktiver wird. Wenn man mehr arbeiten muss, um das zu erreichen, was eine KI liefert. Wenn man weniger verdient, weil von einem erwartet wird, dass die KI den Rest übernimmt. Wenn Unternehmen so viel in KI investieren, dass kein Geld mehr für Menschen übrig bleibt.
Das passiert alles schon. Jetzt. Der Arbeitsmarkt in den USA und in Europa ist nicht gut. Wenig Einstellungen, viele Entlassungen, auch im Tech-Bereich. Aber die Börse kommt damit prächtig zurecht. Weil das Geld nicht mehr in Löhne fließt, sondern in Rechenzentren, in KI-Lizenzen, in digitale Arbeit.
Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty hat das strukturelle Problem schon vor Jahren beschrieben: Wenn die Erträge am Kapitalmarkt schneller wachsen als das Wirtschaftswachstum insgesamt, haben nur die etwas davon, die schon viel haben. Was viele dabei nicht wissen: Piketty gilt nicht ohne Grund als moderner Karl Marx. Denn Marx hat genau das 150 Jahre früher bereits durchgerechnet. Kapital, das sich selbst reproduziert, wächst schneller als jedes Arbeitseinkommen, wenn man es nur lang genug laufen lässt. Der Unterschied zwischen den beiden: Marx glaubte, die Arbeiterklasse würde sich das irgendwann nicht mehr gefallen lassen. Piketty hofft auf Steuerpolitik. Und wir schauen derweil zu, wie Nvidia ohne größeren Aufwand zum wertvollsten Unternehmen der Welt wird und die Börsengänge von OpenAI und Anthropic werden zeitnah zum Raketenstart.
Das europäische Problem
Als Europäer kommt noch ein weiteres Problem hinzu, das man nicht kleinreden sollte.
Bei der Industriellen Revolution konnte man mit dem Fabrikbesitzer vor Ort verhandeln. Betriebsrat gründen, Streiken, Sozialgesetzgebung erkämpfen. Das hat funktioniert, weil die Technologie dort entstand, wo die Menschen lebten, die von ihr betroffen waren.
Bei KI sitzt der Fabrikbesitzer in San Francisco oder in Peking. Die großen Frontier-Modelle entstehen in den USA und in China. Und wenn ein österreichischer Mittelständler diese KI einsetzt, zahlt er quasi eine permanente Kreditkartengebühr an amerikanische oder chinesische Konzerne. Selbst wenn er dadurch produktiver wird, fließt ein Teil dieses Produktivitätsgewinns aus unserer Wirtschaft ab.
Dazu kommt das Rentensystem. In den USA laufen Altersvorsorge-Modelle wie der 401k über Aktienfonds. Steigt die Börse, profitieren auch Normalverdiener. Bei uns in good old Austria funktioniert das Umlagesystem anders: Es wird das Geld umgelegt, das am Arbeitsmarkt verdient wird, und nicht das, was am Kapitalmarkt verdient wird. Wenn Löhne stagnieren oder wegbrechen, geht direkt die Basis der Altersvorsorge verloren.
Die Lösungen sind bekannt. Das ist das Frustrierende und gleichzeitig das Ermutigende daran. Die Industrielle Revolution hat gezeigt, wie es geht: Sozialstaatsreformen, Arbeitnehmer und Arbeitgeber an einen Tisch bringen, in Bildung investieren. Die Schulpflicht in Österreich war kein Zufall, sie war eine bewusste Entscheidung, Geld in die Zukunft zu stecken, genau dann, als es gebraucht wurde.
Bildung wird auch jetzt gebraucht. Auch wenn noch nicht klar ist, wofür genau und in welcher Form! Die Einführung von iPads in Schulen reicht fix nicht aus!
Daneben braucht es politische Rahmenbedingungen, die den Kuchen nicht nur umverteilen, sondern größer machen. Europäische KI-Firmen aufbauen, Startups fördern, Nischen finden.
Ob eine spezielle Steuer für jene KI-Superfirmen sinnvoll wäre, die den Markt quasi alleine aufräumen? Ob man über bedingungsloses Grundeinkommen nachdenken muss? Das sind legitime Fragen. Aber ohne Bildung und ohne eigene europäische Champions sind alle Umverteilungsdebatten nur Symptombehandlung.
Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Das Kochrezept ist aufgeschlagen. Was fehlt, ist die Einigung, welche Zutat als erstes in die Pfanne kommt. Und solange sich das nicht ändert, werden wir als Europa das Risiko tragen, zur Permanent Underclass der globalen KI-Ökonomie zu werden. Nicht weil wir die Zeichen nicht kennen. Sondern weil jede Partei über zu viele heilige Kühe stolpert, über die sie eigentlich längst drübersteigen müsste.


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