Warum sich immer mehr Menschen gegen KI wehren!
- Stephan Waltl

- 28. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Noch vor wenigen Jahren galt Künstliche Intelligenz vor allem als faszinierende Zukunftstechnologie. Heute verändert sich die Stimmung und immer häufiger höre ich Sätze wie:
„Ich brauche das nicht.“
„Ich will damit nichts zu tun haben.“
„Das geht mir alles zu schnell.“ oder ganz grundsätzlich:
„KI macht mir Angst.“
Diese Ablehnung überrascht mich nicht. Denn für viele Menschen steht KI inzwischen nicht mehr für technische Innovation, sondern für eine ganze Reihe negativer Entwicklungen. Sprich, KI hat jetzt jenen Punkt erreicht, dass man sich dagegen zu wehren beginnt!
KI wird zum Sammelbegriff für alles, was Menschen Sorgen macht
Wer heute über KI spricht, spricht längst nicht mehr nur über ChatGPT, Sprachmodelle oder Automatisierung. KI steht plötzlich für Arbeitsplatzverlust, Überwachung, Deepfakes, Betrug, steigenden Energieverbrauch, die Macht amerikanischer Tech-Konzerne und eine Zukunft, deren Auswirkungen kaum jemand abschätzen kann.
Das verändert die Wahrnehmung. In einer in Deutschland veröffentlichten Studie geben 45% der Befragten davon aus, dass KI deren Leben eher verschlechtern wird. Das halte ich für bemerkenswert. Denn die meisten Menschen beschäftigen sich nicht täglich mit KI. Sie programmieren keine KI-Agenten, automatisieren keine Prozesse und erleben nicht unmittelbar, wie stark KI bei bestimmten Aufgaben unterstützen kann. Aber sie haben ein Navigationssystem im Auto, nutzen die automatische Rechtschreibprüfung, befragen (die KI von) Google, lassen sich Texte übersetzen und lassen sich KI gestützte Wetterprognosen ausgeben.
Bei den Dingen vermuten die wenigsten eine KI! Denn das was man unter KI versteht ist mit negativen Schlagzeilen versehen, denn es wird gesagt, dass KI mir meinen Arbeitsplatz wegnimmt!
Wahrscheinlich gehört diese Sorge zu den stärksten Emotionen rund um KI.
Und sie ist nachvollziehbar. Zum ersten Mal betrifft Automatisierung nicht hauptsächlich körperliche oder repetitive Tätigkeiten. KI kann Texte schreiben, Bilder erzeugen, programmieren, Daten analysieren, übersetzen, recherchieren und Kundenanfragen beantworten. Damit betrifft die Veränderung plötzlich Berufe, die sich bisher relativ sicher fühlten: Grafiker, Texter, Programmierer, Sachbearbeiter, Übersetzer, Marketingmitarbeiter,
Buchhalter, Berater!!!
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr nur: „Was kann KI?“ sondern: „Was bedeutet das für mich?“
Technologischer Fortschritt hat schon immer Berufe verändert oder verschwinden lassen. Gleichzeitig entstanden neue Tätigkeiten. Das hilft allerdings jemandem wenig, dessen konkrete Tätigkeit gerade automatisiert wird.
Ein paar Tech-Giganten werden noch mächtiger
Vielleicht halte ich diesen Punkt sogar für gefährlicher als die Diskussion über einzelne Arbeitsplätze. KI benötigt enorme Mengen an Rechenleistung, Daten, Kapital und Infrastruktur. Damit profitieren zunächst jene Unternehmen, die bereits heute über sehr viel davon verfügen: Microsoft, Google, Amazon, Meta, OpenAI, Anthropic, Nvidia und einige wenige weitere Unternehmen.
Damit entsteht eine enorme wirtschaftliche Machtkonzentration. Die eigentliche gesellschaftliche Frage lautet deshalb: Wer erhält den Produktivitätsgewinn durch KI?
Wenn Unternehmen mit weniger Mitarbeitern mehr produzieren können, entsteht wirtschaftlicher Mehrwert. Aber wo landet dieser Mehrwert? Bei den Arbeitnehmern? Bei den Kunden? Beim Staat?
Oder hauptsächlich bei wenigen Technologieunternehmen und deren Eigentümern?
Genau diese Machtverschiebung wird auch in der aktuellen KI-Diskussion als ernstzunehmendes Risiko beschrieben. Besonders problematisch erscheint dabei die Vorstellung, dass Produktivitätsgewinne vor allem bei Unternehmen außerhalb Europas entstehen könnten.
Ich kann meinen eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen
Dieser Punkt betrifft uns schon heute. Hyperrealistische Photos lassen sich künstlich erzeugen. Videos können manipuliert werden. Stimmen lassen sich imitieren. Menschen können scheinbar Dinge sagen, die sie niemals gesagt haben. Damit entsteht etwas gesellschaftlich sehr Gefährliches: Vertrauen wird schwieriger. Die klassische Betrugsmasche zeigt das sehr deutlich.
Das Telephon klingelt > am anderen Ende hört eine Großmutter die Stimme ihres Enkels > Er braucht dringend Geld!
Nur: Es ist möglicherweise gar nicht ihr Enkel. Solche Geschichten prägen die Wahrnehmung von KI stärker als jede beeindruckende Präsentation eines neuen Sprachmodells. Auch deshalb verbinden viele Menschen KI heute vor allem mit Spam, gefälschten Bildern, Videos, Stimmen und Betrugsversuchen.
KI verbraucht gigantische Mengen an Energie
Auch dieses Thema wird sichtbarer. Rechenzentren brauchen Strom. Sie benötigen Kühlung. Sie brauchen Infrastruktur. Und die Nachfrage wächst massiv. Damit gerät KI automatisch in eine gesellschaftliche Verteilungsdiskussion.
Wenn gleichzeitig Menschen aufgefordert werden, Energie oder Wasser zu sparen, entsteht schnell die Frage:
Warum soll ich sparen, während internationale Konzerne gigantische Rechenzentren bauen?
Ob dieser Vergleich technisch immer korrekt ist, spielt für die gesellschaftliche Wahrnehmung zunächst kaum eine Rolle. Das Gefühl zählt! Die Diskussion über Energie, Wasser und Rechenzentren entwickelt sich deshalb zunehmend zu einem Symbol für die gesamte KI-Debatte.
Was passiert, wenn KI außer Kontrolle gerät?
Dann gibt es noch die großen Szenarien. Superintelligenz - autonome KI-Systeme. Cyberangriffe. Militärische Systeme. Manipulation. Überwachung. Autonome Agenten, die Entscheidungen treffen, deren Folgen niemand mehr vollständig nachvollziehen kann.
Nicht jedes dieser Szenarien ist gleich wahrscheinlich. Aber sie prägen die Diskussion.
Hollywood hat uns jahrzehntelang darauf vorbereitet, intelligente Maschinen automatisch als potenzielle Bedrohung wahrzunehmen. Deshalb fällt diese Geschichte auf fruchtbaren Boden.
Interessanter finde ich allerdings weniger die Science-Fiction-Frage, ob eine KI irgendwann beschließt, die Menschheit abzuschaffen. Viel realistischer erscheint mir die Frage: Was passiert, wenn Menschen mächtige KI-Systeme falsch einsetzen?
Für Cyberangriffe.
Für Überwachung.
Für Desinformation.
Für militärische Zwecke.
Oder schlicht aus wirtschaftlichem Interesse!
Auch diese Unterscheidung taucht in der Diskussion auf: Nicht zwingend eine bewusst handelnde Superintelligenz stellt das größte Risiko dar, sondern schlecht kontrollierte oder absichtlich missbrauchte KI-Systeme. Wir können vielleicht die europäischen Systeme kontrollieren (gibt es die noch?). USA - naja, mit dem Donald an der Spitze ist das sehr fragil. Aber was ist mit China? mit Russland? mit den Arabischen Ländern?
Das eigentliche Problem: Viele Menschen erleben kaum den Nutzen
Und damit kommen wir vielleicht zum wichtigsten Punkt. Menschen akzeptieren technologische Veränderungen leichter, wenn sie selbst einen Vorteil davon haben. Beim Smartphone war dieser Vorteil unmittelbar sichtbar: Navigation, Photos, WhatsApp, Musik, Internet, eMail, Banking, NFC : Alles in einem Gerät!
Bei KI sieht die Situation für viele Menschen anders aus. Sie hören:
Mein Arbeitsplatz könnte verschwinden.
Meine Daten werden verwendet.
Meine Stimme kann gefälscht werden.
Meine Kinder können mit Deepfakes gemobbt werden.
Tech-Konzerne werden noch mächtiger.
Rechenzentren verbrauchen immer mehr Energie.
Hacker nutzen KI gegen mich oder mein Unternehmen (LINK)!
Und irgendwann könnte KI vielleicht sogar außer Kontrolle geraten.
Dann kommt ein Technologieunternehmen und sagt: „KI wird dein Leben verbessern.“
Dass Menschen darauf zunehmend skeptisch reagieren, sollte niemanden überraschen.
Widerstand gegen KI ist deshalb nicht automatisch Technologiefeindlichkeit
Vielleicht machen wir es uns zu einfach, wenn wir Menschen in 2 Gruppen teilen.
Die Fortschrittlichen, die KI verwenden.
Und die Rückständigen, die KI ablehnen.
Viele Menschen stellen durchaus berechtigte Fragen:
Cui bono? Wer profitiert davon?
Wer trägt das Risiko?
Wer kontrolliert die Systeme?
Was passiert mit meinem Arbeitsplatz?
Was passiert mit meinen Daten?
Kann ich Informationen noch vertrauen?
Welche Entscheidungen darf eine KI treffen?
Und wer haftet, wenn etwas schiefgeht?
Diese Fragen sollten wir nicht wegdiskutieren. Wir sollten sie beantworten. Denn wer möchte, dass Menschen KI akzeptieren, muss mehr tun, als ihnen die nächste beeindruckende KI-Demo zu zeigen. Wir müssen zeigen, welchen konkreten Nutzen diese Technologie für den Einzelnen bringt. Nicht irgendwann. Sondern heute!
Vielleicht entscheidet sich genau daran, wie unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren mit Künstlicher Intelligenz umgehen wird. Nicht an der Frage, wie intelligent die nächste Generation von KI-Modellen wird. Sondern daran, ob Menschen das Gefühl bekommen:
Diese Technologie arbeitet auch für mich!




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