ChatGPT Ads: Die KI textet jetzt mit, ohne zu fragen

Seit gestern, Freitag dem 30. Oktober 2026, schreibt OpenAI unsere ChatGPT-Anzeigen um. Automatisch, für neue und bestehende Kampagnen, ohne Vorschau und ohne Freigabe. Wer bis Donnerstag nicht aktiv den Haken entfernt hat, lässt ab sofort die KI mittexten. Klingt nach Komfort. Meiner Ansicht nach ist es ein Kontrollverlust mit freundlichem Namen.
Was OpenAI da eingeschaltet hat
Die Funktion heißt im Ads Manager „Werbemitteloptimierungen“. Die KI nimmt die bestehende Anzeige, liest die Landingpage und schaut sich an, worüber der Nutzer gerade mit ChatGPT redet. Daraus baut sie eine passende Variante. Laut der Hilfeseite von OpenAI darf sie dabei:
- Überschriften und Beschreibungen neu schreiben oder überarbeiten,
- den Anzeigentext übersetzen, in eine Sprache, die man selbst nie gebucht hat,
- die Ziel-URL ändern, also den Klick auf eine andere Unterseite schicken,
- die Bildgröße an das Anzeigenformat anpassen.
Die Varianten entstehen entweder vorab oder in Echtzeit während des Gesprächs. Und jetzt der Satz, bei dem ich zweimal lesen musste: Eine Vorschau jeder einzelnen Variante ist nicht verfügbar. Man muss sie nicht freigeben, man kann sie auch gar nicht sehen.

Das Beispiel klingt harmlos. Die Praxis wird es nicht sein.
OpenAI zeigt einen Lieferdienst: Aus „Frische Lebensmittel nach Hause geliefert“ wird im Gespräch über schnelle Abendessen „Lebensmittel für schnelle Abendessen unter der Woche“. Nett, niemand stirbt daran.
Spielen wir das aber mit einem Hotel im Pinzgau durch. Ein Gast fragt ChatGPT nach einem Wellnesswochenende mit Hund. Die KI findet auf der Website irgendwo das Wort „Hund“, vielleicht im Satz „Hunde sind bei uns leider nicht erlaubt“, und formuliert daraus eine hübsche Anzeige: „Dein Wellnesswochenende mit Vierbeiner in den Bergen“. Ziel-URL: die Zimmerseite. Wer haftet, wenn der Gast mit Hund an der Rezeption steht? Und wer bekommt die 1-Stern-Bewertung? Sicher nicht OpenAI.
Dasselbe gilt für Preise. OpenAI schreibt selbst, man solle Preise, Aktionen und Verfügbarkeit auf Anzeige und Landingpage aktuell halten. Übersetzt heißt das: Wenn auf der Website noch die Herbstaktion von 2025 um € 99 herumliegt, kann die KI sie Ende Oktober 2026 fröhlich wieder in eine Anzeige schreiben. Das ist ungefähr so, als würde man dem Lehrling an der Rezeption die Preisliste vom Vorjahr in die Hand drücken und ihm sagen, er soll die Gäste ganz individuell beraten, man schaue aber nie nach, was er erzählt.
Schon im September angekündigt, jetzt Standard
Ganz überraschend kommt das nicht. Schon beim Start der Beta in Österreich stand in den Systemhinweisen, dass personalisierte und übersetzte Versionen ohne individuelle Prüfung entstehen. Damals war das eine Option. Jetzt ist es der Standard, und wer nicht will, muss selbst aktiv werden. Das kennen wir von Google Ads und den „automatisch angewendeten Empfehlungen“ zur Genüge: Opt-out ist immer dann die Voreinstellung, wenn der Anbieter genau weiß, dass beim Opt-in kaum jemand mitmachen würde.
Spannend finde ich auch den Hinweis zum Reporting. OpenAI schreibt sinngemäß, dass Veränderungen der Kennzahlen im Zeitverlauf für sich genommen nichts über die Wirkung der Optimierungen aussagen. Man bekommt also eine Funktion, die man nicht sehen, nicht freigeben und deren Wirkung man nicht messen kann. Wer auf Basis welcher Daten entscheidet dann, ob sie funktioniert? Richtig: der, der an jedem Klick mitverdient.
Was man jetzt tun sollte
- Einstellung prüfen: Im Ads Manager unter „Einstellungen verwalten“ nachsehen, ob die Werbemitteloptimierungen für das Konto aktiv sind. Kampagneneinstellungen gehen vor der Kontoeinstellung, also auch jede Kampagne einzeln anschauen.
- Bewusst entscheiden: Für einen Onlineshop mit sauberer Produktdatenbank kann das funktionieren. Für Hotels, Ärzte, Anwälte oder alles, wo eine falsche Zusage rechtliche Folgen hat, würde ich es ausschalten.
- Landingpages aufräumen: Alte Aktionen, abgelaufene Pauschalen und widersprüchliche Preise raus. Die KI liest alles, was auf der Seite steht, auch das, was man längst vergessen hat.
- Ziel-URLs im Auge behalten: Wenn ChatGPT den Klick auf andere Unterseiten schickt, landet dieser Traffic woanders in Google Analytics. Wie man ChatGPT-Traffic überhaupt sauber trennt, steht in ChatGPT-Traffic sauber zuordnen.
Immerhin eine Sache stellt OpenAI klar: Die Anzeigen beeinflussen die Antworten von ChatGPT nicht und bleiben getrennt und gekennzeichnet. Das glaube ich gerne. Dreinreden tut die KI trotzdem, und zwar bei der eigenen Marke.
Die Ironie dabei: Bei der ersten Einschätzung im August habe ich mich noch beschwert, dass im Ads Manager kein Funken ChatGPT-Zauber steckt. Jetzt ist er da. Nur zaubert er leider mit unseren Anzeigen und wir sitzen im Publikum.